Kontrolliertes Trinken und MPU: Was die Forschung zeigt
Wer wegen Alkohol am Steuer den Führerschein verloren hat, hört schnell den Satz: „Ohne Alkoholabstinenz bestehst du die MPU nicht.“ Ganz so einfach ist es nicht. Ob Abstinenz nötig ist oder ob ein kontrollierter Umgang mit Alkohol ausreicht, hängt davon ab, was bei Ihnen festgestellt wurde. Dieser Beitrag erklärt, was kontrolliertes Trinken ist, was die Forschung dazu sagt und wo es in der MPU Vorbereitung eine Rolle spielt.
Grundlage ist ein Fachbeitrag von Prof. Dr. Joachim Körkel, einem der bekanntesten deutschen Suchtforscher auf diesem Gebiet.
Ist Alkoholabhängigkeit ein Entweder-oder?
Lange galt die Vorstellung: Man ist Alkoholiker oder man ist es nicht. Wer es ist, verliert nach dem ersten Schluck die Kontrolle und kann nur durch völlige Abstinenz gesund werden.
Die Forschung sieht das anders. Die Ausprägung einer Abhängigkeit verläuft fließend. Je mehr Kriterien der Diagnose-Systeme erfüllt sind, desto stärker ist das Problem. Eine feste Grenze, ab der jemand „wirklich abhängig“ ist, gibt es nicht. Auch den vollständigen Kontrollverlust nach dem ersten Glas, den man früher annahm, erleben nur die wenigsten Betroffenen. Bei den meisten ist die Kontrolle über das Trinken eingeschränkt, aber nicht vollständig weg.
Zudem zeigen Nachuntersuchungen, dass ein Teil der Menschen nach einer Behandlung, die auf Abstinenz ausgerichtet war, später wieder unauffällig Alkohol trinkt. In den USA werden dafür Werte zwischen 5 und 30 Prozent genannt. Das gelingt auch ohne Behandlung: Studien zur Selbstveränderung zeigen, dass manche Menschen aus eigener Kraft zu einem Konsum zurückfinden, der nicht mehr als Krankheit gilt.
Was ist kontrolliertes Trinken?
Kontrolliertes Trinken bedeutet, dass jemand sein Trinkverhalten nach einem festen Plan ausrichtet. Er trinkt also nicht mehr nach Lust und Laune, sondern geplant und begrenzt. In den bekannten Programmen legt man dafür für jede Woche im Voraus fest:
• wie viele Tage ohne Alkohol sein sollen
• wie viel an einem Trinktag höchstens getrunken wird
• wie viel in der ganzen Woche insgesamt erlaubt ist
Dazu kommen Regeln zu Zeit, Ort und Begleitung, zum Beispiel erst nach 18 Uhr oder nicht allein zu Hause, sowie zu Tempo und Reihenfolge der Getränke. Ein Trinktagebuch hilft, den Überblick zu behalten. Wann, was, wie viel und warum getrunken wurde, wird dort täglich eingetragen. Die bekannten Programme dauern etwa drei Monate und bestehen aus zehn aufeinander aufbauenden Schritten. Sie werden allein, in der Einzelberatung oder in der Gruppe durchgeführt.
Was zeigen die Studien zu kontrolliertem Trinken?
Programme zur Konsumkontrolle werden seit über 30 Jahren wissenschaftlich untersucht. Im Durchschnitt erreichen sie nach Körkel Erfolgsquoten von etwa 65 Prozent, wobei die Trinkmenge im Mittel um 50 Prozent sinkt.
Ein Beispiel liefert die Nachuntersuchung der ersten fünf Gruppen des „Ambulanten Gruppenprogramms zum kontrollierten Trinken“ in Nürnberg. Ein Jahr nach Abschluss lebten 8 Prozent der Teilnehmer abstinent, und 50 Prozent hatten ihren Konsum deutlich gesenkt. Besser schnitten Teilnehmer mit geringerem Ausgangskonsum ab, ebenso Abhängige im Vergleich zu Alkoholmissbrauchern und Männer im Vergleich zu Frauen.
Dazu kommt: Bei etwa 10 bis 30 Prozent der Teilnehmer führt die Erfahrung dazu, dass sie sich später doch für ein Leben ohne Alkohol entscheiden. Sie merken, dass kontrolliertes Trinken für sie zu anstrengend ist oder nicht funktioniert. Auch das gilt als Erfolg, denn die Entscheidung für Abstinenz fällt dann bewusst und aus eigener Einsicht.
Wichtig ist: Kontrolliertes Trinken gelingt nicht jedem. Die Studien belegen, dass es für einen Teil der Betroffenen möglich ist. Eine Garantie gibt es nicht.
Abstinenz bleibt immer Thema
Eine seriöse Beratung zum kontrollierten Trinken nimmt die Abstinenz ernst. Wer zu Beginn sagt „Ich will nur weniger trinken“, dem wird die Abstinenz trotzdem als Alternative vorgestellt, mit Vor- und Nachteilen. Erst danach fällt die Entscheidung. Das Ziel ist, dass Sie wissen, was Sie wirklich wollen, und dass Sie es auch umsetzen können. Kontrolliertes Trinken meint nicht einfach nur, "ich trinke mal weniger", sondern findet unter strukturierter und professioneller Begleitung statt.
Was bedeutet das für die MPU Vorbereitung?
Bei der MPU wird Ihr Fall nach festgelegten Beurteilungskriterien eingeordnet. Für Alkohol sind drei Hypothesen wichtig:
A1, Alkoholabhängigkeit. Hier verlangt die Begutachtung Alkoholabstinenz.
A2, Alkoholmissbrauch. Das Trinkverhalten war problematisch, eine Abhängigkeit liegt aber nicht vor. Hier kann ein verändertes, kontrolliertes Trinkverhalten ein Weg sein, wenn Sie es nachvollziehbar erarbeitet haben und stabil umsetzen. Genau dafür sind die oben beschriebenen Methoden gedacht: Trinkplan, Trinktagebuch und die Auseinandersetzung mit den eigenen Auslösern.
A3, Alkoholgefährdung. Hier geht es um etwas anderes, nämlich um das Trennungsvermögen. Die Frage lautet: Können Sie Alkoholkonsum und Autofahren zuverlässig trennen? Das Konzept des kontrollierten Trinkens, das Menge und Häufigkeit reduziert, ist dafür nicht der Kern. Entscheidend ist, dass Sie Ihr Verhalten nachvollziehbar verändert haben und nicht mehr alkoholisiert fahren.
Fazit
Alkoholprobleme lassen sich nicht auf „abstinent oder verloren“ verkürzen. Für manche Menschen ist ein kontrollierter Umgang mit Alkohol möglich, für andere ist die Alkoholabstinenz der sichere Weg. Für Ihren Führerschein zählt, dass Ihre Entscheidung zu Ihrer Situation und zur Hypothese Ihrer MPU passt und dass Sie sie glaubhaft begründen können.
In der MPU Vorbereitung klären wir gemeinsam, welche Hypothese bei Ihnen vorliegt, welches Ziel sinnvoll ist und wie Sie es belegbar erreichen. Nehmen Sie gerne Kontakt mit MPU-Süd auf.
Grundlage: Fachbeitrag von Prof. Dr. Joachim Körkel zu kontrolliertem Trinken, Willensfreiheit und Alkoholabhängigkeit. Zum Download des Artikels HIER klicken.





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